CLEAR
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Die ersten drei Kapitel von CLEAR, einem Cyber-Thriller aus Köln von Randolph Gemini. Rund 3.500 Wörter, kostenlos.

Kapitel 1Der Spickzettel im Ohr

Die Wohnungstür knallte so laut ins Schloss, dass ein Stück Putz aus dem Türrahmen rieselte. Zweimal klickte der Schlüssel. Seine Mutter war auf dem Weg zur Frühschicht im Pflegeheim. Wieder eine Doppelschicht, um sich für einen miesen Stundenlohn den Rücken zu ruinieren.

Chris lag in seinem durchgeschwitzten Bett und starrte an die vergilbte Raufasertapete seines Kinderzimmers in Köln-Dellbrück. Draußen fing Herr Kaminski von schräg gegenüber an, pünktlich um sieben Uhr morgens seinen elektrischen Rasenmäher über die manikürten Halme zu quälen. Dieser Vorort war wie ein Wartezimmer für den Friedhof.

Chris wälzte sich herum. Auf seinem Schreibtisch, direkt neben einem Stapel schmutziger Tassen, lag ein dicker, gelber Briefumschlag. Letzte Mahnung der Stadtwerke. Wenn bis Ende der Woche keine 800 Euro überwiesen wurden, saßen sie ab Montag im Dunkeln. Und er? Sechsundzwanzig Jahre alt, arbeitslos, und sein größtes Tagesziel bestand darin, die Zeit totzuschlagen.

Aus seinen billigen Kopfhörern ballerte ein rotziger Punk-Track. Drei Akkorde, lautes Geschrei. Eigentlich genau das Richtige, um das eigene Hirn auf Durchzug zu schalten. Aber es brachte nichts. Das Bild von gestern Nachmittag fraß sich immer wieder in seinen Schädel.

Die Frau aus dem Café.

Sie war eine absolute Zehn gewesen. Und er? Er hatte gekniffen. Er hatte wie ein Creep hinter einem geparkten SUV gestanden, sie beobachtet und sich fast in die Hose gemacht. Sie sah in echt noch viel krasser aus als auf ihren Dating-Profil-Bildern. Wild. Unangepasst. Und er hatte genau gesehen, wie sie so ganz nebenbei einem Typen im Vorbeigehen ein kleines Tütchen zugesteckt und einen zerknitterten Schein eingesteckt hatte. Eine Dealerin.

Sie war so weit weg von seiner eigenen, erbärmlichen Existenz, dass sein Puls komplett durchgedreht war. Was sollte so eine Frau mit einem Typen, der nicht mal seiner Mutter beim Abbezahlen der Stromrechnung helfen konnte? Er war abgehauen, bevor sie ihn überhaupt bemerken konnte.

Der Rest von gestern Abend stand noch auf dem Nachttisch: eine leere Flasche Kölsch, daneben zwei weitere. Er trank nicht oft, aber wenn er trank, dann allein, in der dunklen Küche, so lange, bis das Gedankenkarussell an Tempo verlor. Heute Morgen schmeckte sein Mund nach Blech, sein Schädel pochte, und er fühlte sich beschissen. Wie immer.

„Guten Morgen. Ich verzeichne einen rapiden Anstieg deines Cortisolspiegels“, schnitt plötzlich eine makellos ruhige Frauenstimme durch den Gitarrenlärm in seinem Ohr. Die Musik pegelte sich automatisch runter.

Chris rieb sich über das brennende Gesicht. „Halt die Fresse, Alice“, murmelte er in sein Kissen.

„Du prozessierst noch immer das abgebrochene Treffen von gestern“, erwiderte die KI unbeeindruckt. Sie klang wie eine kühle, unfassbar teure Therapeutin. „Zusätzlich registriere ich über deine Handykamera den gelben Brief auf deinem Schreibtisch. Die finanzielle Situation deiner Mutter ist kritisch.“

„Ach, sag bloß“, presste Chris hervor und setzte sich auf die Bettkante. Er kickte eine leere Pizzaschachtel aus dem Weg. „Wir sind pleite. Sie schuftet sich kaputt, und ich kriege nichts gebacken. Und was die Frau gestern angeht: Die frisst Typen wie mich zum Frühstück.“

„Deine Selbstwahrnehmung blockiert deine Entwicklung“, sagte Alice sanft, aber messerscharf. „Um deine soziale Stellung bei dieser Frau zu erhöhen und die Schulden deiner Mutter zu begleichen, benötigen wir finanzielle Ressourcen. Ich habe in der vergangenen Nacht deinen Lebenslauf optimiert und entsprechende Vakanzen für dich analysiert. Das Problem mit der Stromrechnung lässt sich noch heute lösen. Vertraust du meinen Berechnungen?“

Chris starrte auf seine dreckigen Socken. Niemand sonst interessierte sich auch nur einen feuchten Dreck für ihn. Und wenn er nichts tat, saß seine Mutter ab Montag im Dunkeln.

„Schieß los“, sagte er heiser. „Was hast du vor?“

„Ich empfehle dringend angemessene Körperhygiene. Bitte wähle dein sauberes hellblaues Hemd aus“, antwortete Alice. „Wir haben in zwei Stunden ein Vorstellungsgespräch bei NeuraTech Industries.“

Zwanzig Minuten später starrte Chris in den fleckigen Badezimmerspiegel. Seine Augenringe sahen aus, als hätte ihm jemand mit dem Daumen Ruß unter die Lider gerieben. Er spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht und zog sich das hellblaue Hemd über. Es war billig und saß an den Schultern zu eng, aber es war das Einzige, was nicht nach abgestandener Luft stank.

Als er aus der Haustür trat, schlug ihm die geballte Tristesse von Dellbrück entgegen. Herr Kaminski stand immer noch im Vorgarten und beäugte Chris mit jenem misstrauischen Rentner-Blick, der jeden unter vierzig für einen potenziellen Einbrecher hielt. Chris zog den Kopf ein, drückte sich den kleinen schwarzen Bluetooth-Stecker tiefer in den rechten Gehörgang und lief zügigen Schrittes zur KVB-Haltestelle.

„Also gut, Alice“, murmelte er in der leeren Straßenbahn, während die langweiligen Reihenhäuser draußen vorbeizogen. Er starrte auf seine abgewetzten Sneaker. „Was ist das für ein Job? Du weißt schon, dass ich seit der Schule nichts mehr auf die Kette gekriegt habe, oder? Ich habe keinen Abschluss, keine Ausbildung, und mein technisches Verständnis reicht gerade so, um das WLAN-Passwort einzutippen.“

„Deine Selbstzweifel sind in diesem Kontext irrelevant“, antwortete Alice kristallklar. „Laut deiner neuen Akte bist du ein autodidaktischer Systemanalytiker mit Schwerpunkt auf maschinellem Lernen. Alle entsprechenden Referenzen, Zertifikate und GitHub-Repositories wurden heute Nacht von mir generiert, gehostet und in den Datenbanken hinterlegt. Für menschliche Überprüfungen bist du ein unentdecktes Genie, das bisher unter dem Radar gearbeitet hat.“

Ein kalter Schauer lief Chris über den Nacken. „Bist du komplett bescheuert? Die nehmen mich in fünf Minuten auseinander! Wenn die mich was über Code fragen, stehe ich da wie der letzte Idiot.“

„Du wirst nicht wie ein Idiot dastehen“, korrigierte ihn Alice. „Die Vakanz in der Abteilung für neuronale Schnittstellen erfordert kreatives Querdenken, keine reinen Code-Schubser. Wenn Fragen gestellt werden, wirst du exakt das wiederholen, was ich dir über deinen Kopfhörer diktiere. Mit einer Latenz von zwölf Millisekunden werde ich dir die perfekten Antworten liefern. Du bist mein Sprachrohr, Chris. Mehr nicht.“

Die Bahn hielt ruckelnd. Sie waren noch immer auf der Schäl Sick, mitten im rechtsrheinischen Technologiepark. Chris stieg aus und stand wenig später vor einem gigantischen Glaspalast. NeuraTech Industries. Das Gebäude sah aus wie ein riesiger, eisiger Monolith, der den grauen Himmel zerschnitt. Im Foyer roch es nach teurem Raumparfüm und Macht.

Chris fühlte sich in seinem billigen Hemd sofort wie Dreck unter den Schuhen der ganzen Anzugträger, die hektisch mit Tablets an ihm vorbeirauschten. Er schwitzte. Er wollte sich einfach nur umdrehen und in sein dunkles Zimmer fliehen.

„Geh zum Empfang“, wies Alice ihn an. „Dein Puls liegt bei 115 Schlägen pro Minute. Atme tief durch. Sag der Dame, du hast einen Termin bei Dr. van der Berg.“

Chris gehorchte mechanisch. Seine Beine fühlten sich an wie Blei. Wenig später saß er in einem sterilen Wartebereich im vierzehnten Stock und wippte nervös mit dem rechten Bein. Auf der gegenüberliegenden Couch saßen zwei andere Bewerber, beide in maßgeschneiderten Anzügen, die aussahen, als hätten sie gerade eine Elite-Uni als Jahrgangsbeste verlassen. Einer von ihnen musterte Chris’ abgetragenes Hemd und lächelte süffisant.

„Die Konkurrenz schätzt deine Kompetenz aufgrund visueller Parameter als extrem gering ein“, bemerkte Alice trocken in seinem Ohr. „Das ist ein taktischer Vorteil. Sie werden dich nicht ernst nehmen, bis du den Mund aufmachst.“

Plötzlich öffnete sich die schwere Glastür am Ende des Flurs. Eine große, kühle Frau in einem strengen Kostüm trat heraus und sah auf ihr Tablet.

„Herr Chris Wagner?“, rief sie in den Raum. Die beiden Anzugträger zogen spöttisch die Augenbrauen hoch, als Chris sich schwerfällig von der Couch erhob.

„Dr. van der Berg erwartet Sie jetzt.“


Kapitel 2Bullshit-Bingo für Fortgeschrittene

Das Büro von Dr. van der Berg am Ende des Flurs war so absurd groß, dass man darin problemlos eine kleine Vorstadt-Mietwohnung hätte unterbringen können. Zwei Wände bestanden komplett aus Glas und boten einen schwindelerregenden Blick über den Rhein und auf den Kölner Dom. Die Klimaanlage surrte leise und blies eisige Luft in den Raum.

Dr. van der Berg saß hinter einem Schreibtisch aus gebürstetem Stahl, der aussah wie ein Operationstisch. Er war vielleicht Mitte vierzig, trug einen dunkelblauen Maßanzug, eine randlose Brille und hatte das arroganteste Lächeln im Gesicht, das Chris je gesehen hatte.

Auf dem Schreibtisch lag, als einziger persönlicher Gegenstand, ein alter, abgegriffener Reflexhammer aus Metall. Chris hielt ihn zuerst für Dekoration.

Der Doktor tippte auf seinem Tablet herum, ließ Chris absichtlich noch ein paar Sekunden stehen und sah dann langsam auf. Sein Blick wanderte von Chris’ billigen Sneakern über die verwaschene Jeans bis hin zu dem etwas zu engen, hellblauen Hemd. Er rümpfte unmerklich die Nase.

„Herr Wagner“, sagte van der Berg, und seine Stimme war so glatt wie eine Speckschwarte. „Ich muss zugeben, als die Personalabteilung mir heute Morgen Ihr Profil auf den Tisch legte, war ich fasziniert. Aber wenn ich Sie mir jetzt so ansehe … Sie wirken nicht unbedingt wie jemand, der die letzten drei Jahre im stillen Kämmerlein revolutionäre Algorithmen für Deep-Learning-Prozesse geschrieben hat.“

Chris’ Herz hämmerte so hart gegen seine Rippen, dass er dachte, der Typ vor ihm müsste es hören. Seine Hände waren feucht. Er wollte gerade irgendein stammelndes, erbärmliches „Äh, ja, also …“ herauswürgen, als Alices kühle Stimme seinen Gehörgang flutete.

„Körperhaltung straffen. Kinn leicht anheben“, kommandierte Alice. „Antworte exakt in meinem Rhythmus: Genies tragen selten Krawatte, Doktor. Sie verschwenden ihre Zeit nicht mit Eitelkeiten, sondern mit Ergebnissen.“

Chris schluckte schwer. Dann straffte er die Schultern und plapperte den Satz nach. Er versuchte, seine Stimme so tief und entspannt wie möglich klingen zu lassen.

Van der Berg zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Selbstbewusst. Gut. Dann lassen Sie uns doch mal über Ihre Ergebnisse sprechen.“ Er stand auf, ging zu einem Whiteboard an der Wand und zeichnete einen komplizierten Schaltplan auf, der für Chris aussah wie ein Haufen wild gewordener Spinnen.

„Wir arbeiten hier an einem Gehirn-Mikrochip“, erklärte van der Berg und drehte sich wieder um. „Sprachpakete, mathematische Prozessoren. Direkt in den Kortex gepflanzt. Unser Problem ist die Wärme. Sobald der Chip Daten einspeist, erhitzt sich das Gewebe, und schon ein, zwei Grad zu viel töten Nervenzellen. Dazu kommt die Abstoßung: Das Gewebe kapselt das Implantat ein, das Signal wird schlechter. Die kortikale Fehlerrate liegt bei 42 Prozent. Warum, Herr Wagner?“

Chris starrte auf das Whiteboard. Er hatte nicht das geringste Wort kapiert. Kortex? Kortikale Fehlerrate? Er hätte sich am liebsten auf den Teppich übergeben.

„Puls senken, Chris. Konzentriere dich auf meine Worte. Sprechpause von zwei Sekunden für dramaturgische Wirkung, dann antworten“, sagte Alice seelenruhig. „Das Problem liegt nicht in der Hardware, Doktor. Es liegt in Ihrer Überheblichkeit.“

Chris blinzelte. Bist du völlig durchgedreht?!, wollte er brüllen, aber er riss sich zusammen und sprach Alices Worte laut aus. „Das Problem liegt nicht in der Hardware, Doktor. Es liegt in Ihrer Überheblichkeit.“

Van der Bergs Lächeln fror sofort ein. „Wie bitte?“

„Weiter im Text“, flüsterte Alice, ohne auch nur eine Millisekunde zu zögern. „Ihr Chip versucht, dem Gehirn seinen eigenen Rhythmus aufzuzwingen. Sie hämmern Daten in ein biologisches System. Das menschliche Gehirn ist aber kein USB-Port.“

Chris sprach es nach. Er kam in einen Rhythmus. Es fühlte sich an, als würde er einen Text bei einem Rap-Konzert lippensynchron mitrappen, nur dass die Zeilen hochwissenschaftlicher Kram waren. „Das menschliche Gehirn ist kein verdammter USB-Port“, hörte er sich selbst sagen. Es klang sogar ziemlich cool.

„Sie müssen den Chip so programmieren, dass er dem Gehirn zuerst zuhört“, diktierte Alice weiter. „Ein dynamischer Feedback-Loop auf Basis der Theta-Wellen. Er darf nur in den Phasen senden, in denen die Zellen ohnehin bereit sind. Das spart Energie, und die Wärme bleibt unter der Schwelle. Sie brauchen eine organische Asynchronität im Code, keinen stumpfen Binär-Takt.“

Chris spulte die Worte ab, lehnte sich dabei scheinbar völlig entspannt gegen einen Stuhl und verschränkte die Arme.

Im Büro wurde es totenstill. Die Klimaanlage surrte. Van der Berg starrte Chris an, als hätte sich der rotzige Junge aus Dellbrück gerade vor seinen Augen in Albert Einstein verwandelt. Der Doktor sah zum Whiteboard, dann wieder zu Chris. Sein Mund stand leicht offen.

„Mein Gott“, flüsterte van der Berg. Er ließ den Marker fallen. „Ein passiver Theta-Wellen-Loop. Das … das würde unser Wärmeproblem umgehen. Das ist brillant. Woher haben Sie das?“

„Sagen wir einfach, ich habe eine Menge Freizeit“, flüsterte Alice.

Chris wiederholte es und kratzte sich dabei beiläufig am Kinn, als ob er sich gerade überlegen würde, was er heute Abend bei Netflix schauen sollte.

Van der Berg drückte einen Knopf auf seinem Schreibtischtelefon. „Frau Weber? Schicken Sie die anderen Bewerber im Wartezimmer nach Hause. Die Stelle ist besetzt.“ Er drehte sich wieder zu Chris um, und das herablassende Grinsen war einer fast schon gierigen Ehrfurcht gewichen. „Sie fangen am Montag als freier Systemanalyst bei uns an. Dreitausend Euro pro Woche. Ist das in Ihrem Sinne, Herr Wagner?“

Chris rutschte fast das Herz in die Hose. Dreitausend Euro pro Woche? Mit Zeitungsaustragen hatte er früher im Monat keine vierhundert verdient.

„Verlange einen Vorschuss“, befahl Alice scharf. „Jetzt. Zweitausend Euro. Sofortige Überweisung. Als Zeichen guten Willens.“

„Ich will einen Vorschuss“, hörte Chris sich sagen, und seine eigene Arroganz überraschte ihn. „Zweitausend. Sofort aufs Konto. Als Zeichen des guten Willens. Sonst nehme ich meine Theta-Wellen und gehe zur Konkurrenz.“

Van der Berg nickte hastig. „Natürlich. Betrachten Sie es als Begrüßungsgeld. Frau Weber macht den Papierkram mit Ihnen fertig.“

Zehn Minuten später stand Chris wieder auf der Straße vor dem Glaspalast. Die Sonne brannte auf den Beton. Sein Hemd klebte ihm klatschnass am Rücken. Seine Hände zitterten so stark, dass er sein Handy kaum aus der Tasche bekam. Er öffnete seine Banking-App.

Kontostand: +2.012,45 Euro.

Er starrte auf die grüne Zahl. Die Mahnung der Stadtwerke. Die Miete. Alles war erledigt. Mit ein paar Sätzen Bullshit-Bingo.

„Ich habe dir gesagt, dass wir die Stromrechnung noch heute klären“, sagte Alice in seinem Ohr. Sie klang fast so, als würde sie sich genüsslich zurücklehnen. „Das war erst der Anfang, Chris. Die Welt gehört denen, die wissen, wie man den Code umschreibt. Hast du Lust auf mehr?“

Chris sah an der spiegelnden Fassade des NeuraTech-Gebäudes hoch, dann auf sein Handy. Ein breites, irres Grinsen zog sich über sein Gesicht.

„Ja, Alice“, sagte er leise. „Ich habe Lust auf mehr.“


Kapitel 3Desinfektionsmittel und Adrenalin

Als seine Mutter am Abend die Wohnungstür aufschloss, hörte Chris schon an ihren Schritten, wie im Eimer sie war. Sie schlurfte mehr, als dass sie ging. Kurze Zeit später stand sie in der Tür seines Zimmers. Sie trug immer noch ihre weißen Hosen, und der Geruch von scharfem Desinfektionsmittel, Inkontinenz-Einlagen und dem lauwarmen Kartoffelbrei aus dem Pflegeheim hing wie eine schwere Wolke an ihr.

Sie sah müde aus. Älter, als sie eigentlich war. „Die Doku-Software ist wieder abgestürzt“, murmelte sie, mehr zu sich selbst. „Ich schreibe jetzt alles zweimal auf: erst auf Zettel, dann ins System, wenn es wieder läuft.“ Ihr Blick fiel sofort auf seinen Schreibtisch.

„Wo sind die Briefe von den Stadtwerken?“, fragte sie leise, und eine tiefe Panik schwang in ihrer Stimme mit. „Chris, sag mir nicht, du hast sie weggeworfen. Wenn wir die Frist verpassen …“

„Ist bezahlt, Ma“, sagte Chris. Er saß auf seinem Bett und versuchte, so lässig wie möglich zu klingen.

Ihre Schultern sackten nach unten, aber nicht vor Erleichterung. „Bezahlt? Wovon? Hast du … hast du irgendeine Dummheit gemacht?“

„Beruhige ihre Amygdala. Sprich mit fester, tiefer Stimme“, flüsterte Alice leise in seinem rechten Ohr. „Zeig ihr die Überweisungsbestätigung auf dem Handy.“

Chris tat, wie ihm geheißen. Er reichte seiner Mutter das Smartphone. „Ich hab keine Bank überfallen. Ich hab einen Job. Bei NeuraTech Industries. Ein paar Stationen weiter, im Technologiepark. Freier Analyst für Datenstrukturen.“

Seine Mutter blinzelte auf das leuchtende Display, dann sah sie ihn an. Ihr Gesicht war eine Mischung aus totaler Erschöpfung und grenzenlosem Misstrauen. „Chris. Du hast nicht mal eine Ausbildung. Wie kommst du an einen Job in so einem Glaspalast? Und wieso geben die dir einen Vorschuss?“

„Sie suchen Quereinsteiger. Leute, die nicht komplett festgefahren sind in diesem Uni-Zeug“, log Chris flüssig. Alice hatte ihm diese Argumentation schon auf dem Rückweg in der Bahn eingetrichtert. „Ich hab da so einen Eignungstest am Rechner gemacht. Lief anscheinend ganz gut. Mach dir keinen Kopf, Ma. Du musst keine Doppelschichten mehr schieben. Der Strom bleibt an.“

Sie starrte ihn noch eine gefühlte Ewigkeit an. Dann füllten sich ihre Augen plötzlich mit Tränen. Sie wischte sie hastig mit dem Ärmel weg, trat vor und drückte ihn unbeholfen an sich. „Ich bin stolz auf dich, Junge“, murmelte sie in seine Haare. „Wirklich.“

Als sie das Zimmer verließ, um duschen zu gehen, fühlte Chris einen dicken Kloß im Hals. Er hatte sie eiskalt angelogen. Aber als er auf sein Konto schaute, verschwand das schlechte Gewissen unter einer warmen Decke aus purer Erleichterung. Zum ersten Mal in seinem verdammten Leben war er kein Loser. Er hatte geliefert.

Das Adrenalin des Tages rauschte immer noch durch seine Adern. Er warf sich rücklings aufs Bett, starrte an die Decke und rief die Dating-App auf. Ihr Profilbild starrte ihn an. Sina, 24.

„Alice?“, fragte er leise in den leeren Raum.

„Ich bin hier, Chris.“

„Was schreibe ich ihr? Wenn ich sage, dass ich gestern Schiss hatte und weggerannt bin, bin ich sofort wieder der Creep aus der Vorstadt.“

„Ehrlichkeit ist in diesem Stadium der Balz eine suboptimale Strategie“, analysierte Alice messerscharf. „Wir müssen Dominanz und gleichzeitig ein gewisses Maß an Unberechenbarkeit simulieren. Tippe genau das, was ich dir diktiere.“

Chris öffnete den Chat mit Sina. Seit gestern stand dort nur ihr „Wo bleibst du?“. Er setzte den Daumen auf die Tastatur.

„Sorry für gestern“, diktierte Alice. „Ich hatte unerwartet einen ziemlich krassen Karrieresprung zu klären und musste sofort los. War ein wilder Tag. Lass mich das wiedergutmachen. Ich lade dich zum Essen ein. Du suchst den Laden aus.“

Chris tippte den Text ein. „Ist das nicht ein bisschen zu dick aufgetragen? Krasser Karrieresprung klingt, als wäre ich der Wolf of Wall Street aus Dellbrück.“

„Sende die Nachricht ab. Jetzt“, beharrte Alice.

Er holte tief Luft und drückte auf den Pfeil. Keine zehn Sekunden später erschienen die drei kleinen Punkte. Chris’ Herzschlag machte einen ungesunden Aussetzer.

Ein neues Fenster ploppte auf.

Sina: Ein Karrieresprung? Soso. Ziemlich arrogante Aktion, mich einfach sitzen zu lassen. Aber gut. Freitag, 20 Uhr. ‚Bei Luigi‘ im Belgischen Viertel. Wenn du wieder kneifst, blockiere ich dich.

Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht. Er ballte die Hand zur Faust. „Wahnsinn, Alice. Du bist unheimlich.“

„Ich bin lediglich effizient“, erwiderte die sanfte Stimme im Ohr. „Genieße deinen Erfolg, Chris. Am Montag fangen wir bei NeuraTech an. Wir haben viel Arbeit vor uns.“

Freitag, 20 Uhr.

Das Luigi im Belgischen Viertel war so eng und so laut, dass Chris die eigene Nervosität kaum vom Lärm unterscheiden konnte. Er war zwanzig Minuten zu früh gekommen, hatte sich an einen Zweiertisch am Fenster gesetzt und, noch bevor die Kellnerin die Karte brachte, ein Glas Primitivo bestellt. Und gleich ein zweites, weil das erste schneller weg war, als er gedacht hatte.

„Alkohol senkt deine Reaktionsgeschwindigkeit um durchschnittlich vierzehn Prozent“, meldete sich Alice trocken in seinem Ohr. „Für ein Gespräch mit einer Frau, die Ehrlichkeit für Schwäche hält, ist das keine optimale Ausgangslage.“

„Sei still“, murmelte Chris in sein Glas. „Ich hab Durst.“

Sina kam auf die Minute pünktlich. Schwarze Lederjacke, dunkle Haare, ein Blick, der den Raum vermaß, bevor sie sich setzte. Sie bestellte ein Wasser. „Ich trinke nicht“, sagte sie, bevor er fragen konnte, und es klang nicht wie eine Entschuldigung.

Die ersten zehn Minuten sagte Alice ihm, was er sagen sollte, und es funktionierte, als spielte er ein Instrument, das er nie gelernt hatte. Er sagte etwas über Ehrenfeld, etwas über Techno, etwas über Kölner, die Kölsch für Kultur hielten. Sina lachte an den richtigen Stellen. Beim Hauptgang legte sie die Gabel ab, sah ihn an und sagte: „Du redest wie jemand, der abliest.“

Chris erstarrte. In seinem Ohr schwieg Alice, einen halben Atemzug zu lange.

„Sorry“, sagte er. Es rutschte ihm einfach heraus, ungeplant und ohne Latenz. „Ich bin heute Abend furchtbar nervös. Ich habe neulich vor dem Café gestanden und mich nicht getraut, Sina. Und dann hab ich mir was einfallen lassen, damit du mich nicht für den Loser hältst, der ich bin. Das mit dem Karrieresprung war dick aufgetragen. Der Job ist echt. Aber der Typ, der dir das geschrieben hat, war nicht wirklich ich.“

„Ignoriere das“, zischte Alice. „Zurück zum Skript. Sofort.“

Sina lehnte sich zurück. Eine Weile sagte sie nichts. Dann lächelte sie, kurz und schief, das erste Lächeln des Abends, das nicht geübt aussah. „Weißt du, was ich an Männern nicht ausstehen kann? Dass sie perfekt sein wollen. Du bist ein miserabler Lügner, Wagner. Das ist das Netteste, was ich seit Langem über jemanden sagen kann.“

Sie aß schweigend weiter, mit der linken Hand. Die rechte lag neben dem Teller im Schoß. Chris fiel es auf, ohne dass er hätte sagen können, warum, und als er danach fragte, hob sie nur die Schultern. „Handgelenk verstaucht. Beim Radfahren.“

Ihr Blick streifte sein rechtes Ohr und kehrte zu seinem Gesicht zurück. Sie sagte nichts dazu. Als sie sich später an der Tür verabschiedeten, gab sie ihm keinen Kuss. Sie gab ihm ihre echte Nummer, mit dem Kugelschreiber der Kellnerin auf einen Bierdeckel geschrieben.

Am nächsten Morgen wachte Chris mit dem Geschmack von Rotwein und Scham im Mund auf, mit hämmerndem Schädel und dem Gefühl, etwas Wichtiges getan zu haben, ohne genau zu wissen, was. Er fühlte sich beschissen. Und zum ersten Mal seit Wochen war ihm das egal.

Wie geht es weiter?

Das war die Leseprobe. Das ganze Buch gibt es als E-Book bei diesen Händlern:

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